Herausgegeben im Februar 2017

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Die Familienzeitung

Scharfrichter waren keine rauhen Gesellen, liefen nicht im roten Mantel durch den Ort und sie benutzten in aller Regel auch keine Kapuzen. Diese Klischees sind einfach Phantasie des Volkes und finden in Filmen und Romanen ihren Platz. Der Scharfrichter handelte nach der Halsgerichtsordnung unten rechts und war demnach ein früher "Justizvollzugsbeamter". Die Halsgerichtsordnung legte die Werkzeuge des Scharfrichters und deren Anwendung fest. Auch konnte nur Scharfrichter werden, wer die unten links aufgeführten Fragen allesamt richtig beantworten konnte


Neben der Scharfrichterei, von der allein er und seine Familie nicht leben konnte, war der Scharfrichter meist verantwortlich für das Beseitigen von Tierkadavern aller Art. Er betrieb also die örtliche Abdeckerei. Die Tierhalter im Verantwortungsgebiet des Scharfrichters waren verpflichtet, ihm gestorbene oder "gefallene Tiere" anzuzeigen, welche er dann gegen Lohn abholte und gefahrlos für die Allgemeinheit beseitigte. Vorher zog er ihnen die Felle ab und verkaufte die Häute. Dieser Handel war recht einträglich, wie man an den für die damalige Zeit beachtlichen Summen sehen kann, die bei der Erbsache Scharfrichterei Fürstenwalde eine Rolle spielten.

Die Scharfrichterei galt allerdings als "unehrliches Gewerbe". Das war keine moralische Wertung, sondern eine Abgrenzung zu den "Ehrlichen". Diese waren in Zünften zusammengeschlossen, die Rechte hatten und Hinterbliebene versorgten. Die "Unehrlichen" wurden oft hineingeboren in den Stand, durften keine Ämter in den Gemeinden ausüben und waren von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Deshalb heirateten Scharfrichter meist innerhalb ihres Standes. Würde man im Stammbaum die Nebenlinien, die Kinder und Kindeskinder einblenden, könnte man sehen, dass die meisten Scharfrichterdynastien miteinander verwandt waren. Zu den "Unehrlichen" gehörten übrigens auch Schinder und Leibwäscher, Gaukler, Tänzer und Fahrensleute aber auch Müller, Leineweber, Töpfer und Schäfer. Maßgeblich dafür war nämlich die Nichtzugehörigkeit zur Siedlungsgemeinschaft und das Arbeiten unter der Erde. Schnell konnte es vorkommen, dass ehrbare Bürger "unehrlich" wurden und ihren Kindern die Zunftfähigkeit versagt blieb. Es reichte eine unachtsame Berührung eines "Unehrlichen" oder dessen Gerätschaften. Der Fürstenwalder Museumsleiter, Guido Strohfeldt fand bei seiner Familienforschung die Akten eines Prozesses, den einer seiner Vorfahren über 12 Jahre führte. Er hatte sich als Angehöriger der Tischlerzunft nach einem Gelage mit einem Scharfrichter mit diesem auf ein Händel eingelassen und verlor dadurch seine "Ehrlichkeit". Nicht wegen des Gelages, nicht wegen des Händels sondern wegen des Berührens eines Scharfrichters. Diese Ordnung wurde erst im Verlaufe des 18. Jahrhunderts allmählich aufgehoben.


Der Beruf des Scharfrichters

Prüfungsfragen

In aller Regel wurde der örtliche Scharfrichter vom jeweiligen Rat bestimmt. Dazu musste er sich einer ganzen Reihe von Fragen stelle. Die Fragen hatten sowohl fachlich/handwerklichen, als auch juristischen und moralischen Inhalt.

Darüber hinaus war Wissen um Tierseuchen und Tierbeseitigung nachzuweisen und er hatte sich gegebenenfalls Rat bei erfahrenen Scharfrichtern einzuholen.

Berufsregeln

Der Scharfrichter hatte sein Amt nach der Brandenburgischen Halsgerichtsordnung auszuüben. Diese legte sowohl die zu verwendenden Werkzeuge und Einrichtungen sowie deren ordnungsgemäße Anwendung fest. Scharfrichter waren immer Ausführende und niemals Urteilende. Sie mussten aber die Urteile Buchstabengetreu ausführen.

WISSENSWERTES

Nach der Überlieferung, so Guido Strohfeld aus dem Museum Fürstenwalde, wurde die erste Straßenbeleuchtung Fürstenwaldes vom örtlichen Scharfrichter gespendet, was durchaus etwas über dessen wirtschftliche Situation aussagt.

Lichtspender

Scharfrichter waren auch verantwortlich für die Tierkadaverbeseitigung und die Sauberkeit in der Stadt.

Sie trugen somit Sorge für die Gesundheit der Bewohner.


Alle für den Beruf notwendigen Werkzeuge und Einrichtungen sowie die dazu notwendigen Hilfskräfte mussten von den Scharfrichtern vorgehalten und somit auch bezahlt werden.


Scharfrichter hatten durch ihre speziellen Tätigkeiten profunde Kenntnisse der Anatomie von Tieren aber natürlich auch der menschlichen Anatomie.

Dadurch galten sie sehr oft auch als heilkundig.


Durch die Vielzahl ihrer Einnahmequellen waren Scharfrichter meist recht wohlhabend.


Die Werkzeuge, die sie besaßen waren häufig von hoher Qualität.

So wird zum Beispiel das als Katte Schwert im Museum Brandenburg aufbewahrte Richtschwert wie folgt beschrieben:

Das Schwert gilt als eine sehr gute Handwerksarbeit. Es ist 1,09 Meter lang,

84 cm davon entfallen auf die Klinge, die zwischen 4,4 und 5 cm breit ist. Die Klinge besteht aus beidseitig geschliffenem Stahl. Die sechskantige, 22,3 cm lange Parierstange mit kugelförmigen Abschlüssen und der sechseckige, tropfenförmige Knauf mit Blattzieselierung sind aus Messing gefertigt. Der Griff ist leicht verdickt und besteht aus Holz. Am Heft sind zwei Inschriften angebracht. Auf einer Seite kann man lesen: Die Herren steuern dem Unheil ich exequiere ihr Endts Urteil. Darunter ist ein zur Spitze ausgerichtetes Rad dargestellt. Auf der anderen Seite steht: Wan ich das Schwert thue aufheben wünsch ich dem Sünder das Ewig Leben. Darunter ist ein Galgen ziseliert. Die Siegelgravur des Schwerts weist außerdem drei Namen auf. Oben steht der Name Ullrich, darunter v.Catt und schließlich Stelw.


Es besteht nun keine Gefahr für die Ehrlichkeit, wenn man sich mit mir einlässt. Auch wenn ich eine echte Scharfrichternachfahrin bin.
Übrigens, wenn man sich den Stammbaum genau ansieht, geht die Scharfrichterei in meiner Familie fast immer in der weiblichen Linie weiter. Vielleicht köpfe ich deswegen mein Frühstücksei.



 Sabine Woldt, geb. Gerlach im Februar 2017